Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
"Was für ein schöner Tag", entsprang es heute Morgen meiner Brust, als ich den ersten Sonnenschein um kurz nach sieben durch mein Schlafzimmerfenster dringen sah. "Lasset uns den Tag preisen, ihn unbeschwert genießen und freudig ins Wochenende starten!"
Nun, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Ich musste heute Morgen so früh aufstehen, weil ich zur ARGE musste. Dort war ich gestern schon. Da mir die Agentur für Arbeit wahrscheinlich ungerechtfertigterweise das Arbeitslosengeld verweigert, muss ich Hartz IV beantragen, damit ich Ende nächster Woche meine Rechnungen bezahlen kann.
Ok, wenn das so ist, dann ist das so. Dürfte ja kein Problem sein, denn man sollte ja meinen, dass die Leute, die da in den Behörden sitzen und "arbeiten", dass sie schon das Richtige tun werden. Aber bereits der arbeitslose Jesus musste wissen, dass dem nicht so ist: "Herr, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!"
Ich komme da also gestern hin, Automatiktür öffne Dich, ich trete mit Schmackes ein und renne dem Letzten in der Schlange fast in die Hacken. Huch, das ist aber eine lange Schlange. Da stehe ich nun also im Türrahmen und die Automatiktür ist verwirrt. Sie kann nicht mehr zugehen, weil der dicke Mann da steht. Also macht sie mööööp, katschumm und geht wieder auf. Fünf Sekunden später wieder mööööp, katschumm und wieder auf. Doch da geht es in der Schlange voran und ich bin zunächst erleichtert, das doofe Geräusch der Tür nicht mehr hören zu müssen. "Vertan, vertan", sprach der Hahn... Denn ein weiterer Bittsteller betritt den Türrahmen. Die Tür quittiert entnervt die neue Situation mit einem gelangweilten mööööp, katschumm...
Wie lang einem doch so eine dreiviertel Stunde werden kann. Mittlerweile weiß ich sogar, wie viele Fliesen sich zwischen den zwei Aufzügen an der Wand befinden. Es sind genau 55. Zunächst habe ich nur die 11 Fliesen hoch und die fünf Fliesen breit gezählt und das dann multipliziert. Das ging aber zu schnell und irgendwie war ich mir auch nicht so sicher, darum hab ich dann doch noch mal vorsichtshalber alle einzeln gezählt. Und es stimmt. Es sind 55! Mathematik ist doch irgendwie logisch...
Juchu, mittlerweile bin ich dann doch ganz vorne in der Schlange angekommen. Ich kann auch schon die Schalter sehen, wo die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ARGE sitzen. Die machen ein Gesicht, das ist eigentlich schon kein Gesicht mehr. Irgendwas zwischen totaler Ablehnung, Langeweile, Genervtheit und der Sehnsucht nach Feierabend. Ich hoffe, dass ich zu der hübschen, jungen, dunkelhaarigen vorgelassen werde. Und ja, sie wird soeben frei. Ich will schon losstürmen, da fällt mir ein, dass ich gerade das Schild "Bitte nach Aufforderung vortreten" gelesen habe. Also muss ich noch warten, bis die Schöne mich auffordert. Doch die junge Augenweide muss erst noch einiges am PC tippen. Mittlerweile wird auch ihre Kollegin am Nachbarschalter frei. Die mit der 80er-Jahre-Haarspray-Frisur und mit einer Stimme, die Ivan Rebroff noch Konkurrenz machen könnte. Und bei meinem Glück ist jene "Dame" natürlich schneller und ich werde nun bei ihr vorgelassen.
"Der Nächste..."
"Guten Tag, mein Name ist Gawandtka, ich muss Hartz IV beantragen, weil..."
"Ihren Ausweis bitte erstmal!"
Wie ich im Laufe meiner Odyssee festgestellt habe, ist das übrigens der Lieblingssatz aller Mitarbeiter. Ich hatte mir schon überlegt, ob ich mir meinen Ausweis nicht in Zukunft an die Stirn tackere.
"Haben Sie schon Alk eins beantragt?"
Gute Frau, es ist 10 Uhr morgens, da trinke ich gewöhnlich noch nichts! Ach so, sie meinte ALG I, also Arbeitslosengeld Eins. "Ja, da hat man mir allerdings eine Sperre verhängt. Ich gehe noch dagegen vor, das Verfahren ist also noch nicht abgeschlossen, aber ich brauche ja nun nächste Woche irgendwie Geld, damit ich..."
"Haben Sie das Schreiben von der Agentur dabei?"
"Ja, hier."
"Legen Sie das gleich dem Kollegen vor... Bitte setzen Sie sich in den Wartebereich, Sie werden aufgerufen."
Yes, Ma'am. In Gedanken salutiere ich und schlage die Hacken zusammen.
Im Wartebereich ist Gott sei Dank nicht viel los. Die vierzig Minuten Wartezeit gehen rum wie im Flug... Der dann doch erstaunlicherweise recht nette Herr Neugebauer nimmt sich meiner an und lässt mich am kommenden Morgen wieder antanzen. Ich soll mich in Raum 25 bei Frau Roth melden. Gut, mache ich.
Somit sind wir also beim heutigen Tag angekommen. Der Tag, der so sonnig und schön begann. Nachdem ich durch die mööööp-katschumm-Tür die heiligen Hallen betreten habe, marschiere ich an der Schlange vorbei in den rechten Flur, direkt zu Raum 25. Ich lese gerade den Zettel, der an der Tür klebt, als eine Mitarbeiterin an mir vorbei in den Raum geht.
"Hier ist keiner!" ruft sie mir entgegen.
Ah, hallo Frau Keiner. Ich soll zu Frau Roth, weil ich einen Termin habe. "Ich habe hier heute Morgen aber einen Termin."
"Setzen Sie sich dahin, Sie werden aufgerufen!"
Wollen Sie vielleicht mal meinen Ausweis sehen? "Gut, ich warte."
Kurz darauf erscheint eine weitere Mitarbeiterin. "Wollen Sie zu mir? Zu 25?"
Nein, Frau Fünfundzwanzig, ich muss zu Frau Roth. "Ja."
"Gut, kommen Sie rein."
Ich will gerade mit meinem Anliegen loslegen, aber erstmal Ausweis zeigen. "Ich nehm das hier nur auf, dass Sie da sind. Gehen Sie bitte wieder in den Wartebereich, da, wo Sie gestern schon waren. Sie werden dann aufgerufen."
Gut.
Es muss ein Wunder geschehen sein, denn ich werde nach nicht mal fünf Minuten Wartezeit aufgerufen. Es ist nicht der Mann von gestern, er ist aber trotzdem recht nett. Aber auch hier: Ausweis! Er guckt sich meinen Lebenslauf an, vergleicht das mit dem, was die Agentur bereits in meinen Daten erfasst hat, stellt fest, dass schon alles vollständig ist und verweist mich an Frau Voss im ersten Stock. "Bitte gehen Sie dort in die orangefarbene Zone. Sie werden aufgerufen."
Darin bin ich ja jetzt Profi.
In der orangefarbenen Zone muss ich auch nicht lange warten, da ruft mich Frau Voss auf. Mit gezücktem Ausweis betrete ich das Büro. "Ihren Ausw... Ah, haben Sie schon, gut, vielen Dank." Ich sag ja, ich werde langsam Profi.
Naja, es werden mir alle Dinge erklärt, die ich benötige, um einen neuen Job zu finden. Gut, das wusste ich bisher auch schon alles. Auch Frau Voss geht noch mal meine Daten durch und gibt mir letztendlich den Antrag auf ALG II. Den muss ich jetzt übers Wochenende ausfüllen und alle Unterlagen zusammensuchen. Ob ich am Ende der nächsten Woche dann Geld habe, um meine Rechnungen zu bezahlen, weiß ich allerdings immer noch nicht...
Freitag, 23. April 2010
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