Montag, 24. Mai 2010
Sänk ju for träwweling wis Deutsche Bahn
Diesen letzten Satz habe ich auf meiner Fahrt von Hamburg nach Brühl über Köln und wieder zurück mehrmals hören müssen. Und bei jedem Mal war das Englisch schlechter. Naja… Und ich überlegte, warum ICH eigentlich dankbar bin, mit der Deutschen Bahn reisen zu dürfen.
Die Geschichte beginnt eigentlich schon beim Kartenkauf vor einigen Tagen. Ich komme ins Reisezentrum, an einem Sonntagnachmittag, weil ich hoffe, dass dann nicht so viel los ist. Und tatsächlich bin ich zunächst total erfreut, als ich sehe, dass an den drei Schaltern, die geöffnet haben (von insgesamt 15 oder so) jeweils nur eine Person steht. Wow, das ist ja unfassbar! Tja, aber leider nicht richtig. Denn nach den Umbaumaßnahmen des Hamburger Reisezentrums in der letzten Zeit läuft das jetzt anders bei der Deutschen Bahn. Nicht mehr anstellen in der Schlange und lange warten, nein, jetzt muss man ein Nümmerchen ziehen, auf die Bildschirme achten, die die nächste Nummer aufrufen und so lange in der Mitte des Reisezentrums auf den bequemen, roten Sofas Platz nehmen und DANN lange warten. Und jetzt sehe ich, dass dort einige Leute bereits sitzen und warten. Gut, ich ziehe eine Nummernkarte mit der Zahl N2085. Auf den Bildschirmen wird gerade die Nummer N2059 aufgerufen. Na toll! Ich setze mich auf eines der Sofas. Nach ein paar Minuten steht die ältere Dame neben mir mit der Nummer N2079 entnervt auf und verlässt mit den Worten „ich warte keine weitere Stunde mehr“ den Saal. Ich gucke noch mal auf den Bildschirm, N2062, dann auf meine Karte, N2085, stehe auf, gehe an den Automaten und ziehe mein Ticket dort. Ob ich bei einem persönlichen Gespräch mit einem der Mitarbeiter der Deutschen Bahn an einem der drei Schalter voraussichtlich am nächsten Morgen herausbekommen hätte, dass ich vielleicht günstiger hätte reisen können, weiß ich jetzt natürlich nicht.
Sänk ju for träwweling wis Deutsche Bahn.
Abfahrt in Hamburg um 07.46 Uhr. Der ICE, der in Hamburg-Altona startet und über Köln nach Frankfurt fährt, hat bereits zehn Minuten Verspätung. Klar, mit der S-Bahn braucht man von Altona bis zum Hauptbahnhof eine knappe Viertelstunde, mit Zwischenhalten an der Königstraße, der Reeperbahn, an den Landungsbrücken, der Stadthausbrücke, am Jungfernstieg, an der Holstenstraße, an der Sternschanze und am Dammtor-Bahnhof. Und so ein ICE muss auf seinem langen Weg vom Altonaer Bahnhof zum Hauptbahnhof immerhin am Dammtor halten. Da kann man sich schon mal um zehn Minuten verspäten.
Sänk ju for träwweling wis Deutsche Bahn.
Auf seiner Fahrt nach Köln holt der ICE zwei Minuten seiner Verspätung wieder auf. Ich muss in Köln in eine Regionalbahn nach Brühl umsteigen und hatte eigentlich nach Plan dafür zehn Minuten Zeit. Da der ICE aber noch acht Minuten Verspätung hat, wird’s wohl eng werden. Ich spurte also in Köln aus dem Zug, hechte die Treppe herunter, flitze einmal um den Pudding herum und die nächsten Stiegen wieder hinauf und erfahre dort, dass der Zug nach Brühl ebenfalls acht Minuten Verspätung hat.
Sänk ju for träwweling wis Deutsche Bahn.
Rückfahrt von Brühl über Köln und Hannover nach Hamburg am folgenden Tag. Bevor ich am Kölner Bahnhof in den ICE nach Hannover einsteigen kann, habe ich dort knappe 20 Minuten Aufenthalt. Ich entschließe mich, auf dem Gleis den markierten Raucherbereich zu suchen, um eine Zigarette zu rauchen. Ich erreiche den gelb gekennzeichneten Bereich. Daneben gibt es Sitzmöglichkeiten. Dort sitzen bereits zwei Herren und rauchen. Für einen kurzen Moment denke ich, dass die gelbe Markierung allerdings nicht bis dort reicht. Und ich bin doch immer so korrekt. Naja, andererseits habe ich aber auch keine Lust, meine Zigarette im Stehen zu rauchen. Also egal. Ich setze mich zu den Herren knapp neben der Rauchermarkierung, zücke meine Zigarettenpackung und… „Ding Dong. Meine Damen und Herren, bitte rauchen Sie in den ausgewiesenen Raucherzonen!“ Die beiden Männer und ich gucken uns an, wir grinsen, stehen gemeinsam auf, gehen einen Schritt nach rechts in die gelbe Markierung… „Ding Dong. Vielen Dank!“
Sänk ju for träwweling wis Deutsche Bahn.
In Hannover habe ich zum Umsteigen von dem einen in den anderen ICE laut Plan acht Minuten Zeit. Da der ICE von Köln nach Hannover aber bereits sechs Minuten Verspätung hat, ist wieder Hetze angesagt. Gut, ich muss nur von Gleis 9 auf Gleis 8 wechseln, das könnte auch am gleichen Bahnsteig gegenüber sein. Das wäre ja praktisch. Ich frage den Zugbegleiter. „Nein“, meint dieser, „Sie müssen einmal die Treppe runter und nebenan wieder rauf. Hier gegenüber ist nämlich Gleis 9A.“ Klar. Was auch sonst? Also wie gehabt. Der Zug hält, raus aus dem Zug, Treppe runter gehastet, um die Ecke geflitzt, Treppe wieder rauf auf Gleis 8 und ab in den ICE, der dort schon bereit steht. Im letzten Moment gucke ich auf die Anzeigetafel: ICE nach… BREMEN. Bremen??? Bremen ist nicht Hamburg! Bin ich um die falsche Ecke gebogen? Wieder raus aus dem Zug, die Treppe hinab. Auf der Treppe noch mal hastig den Fahrplan rausgeholt. Hm, ICE nach Hamburg in Hannover auf Gleis 8! Da war ich doch… Aaaaah, Gleis 8, D-H!!! Umgedreht, Treppe wieder hoch, halb kollabierend oben angekommen, keuchend knappe 100 Meter am ICE nach Bremen vorbeigehechelt, den zweiten ICE erreicht, Anzeigetafel zeigt „Hamburg-Altona“, rein in den Zug, piep piep piep, die Türen schließen. Mann!
Sänk ju for träwweling wis Deutsche Bahn.
Auf den Schreck brauche ich was zu trinken. Ich gehe ins Bord-Bistro. „Ei-ne Sprite bi-tte“, stöhne ich keuchend.
„Ham wa nich!“
„Kei-ne Sprite?“
„Nee, nur 7Up!“
„Gut“, das Augenrollen verkneif ich mir, „dann ei-ne Se-ven-Up!“
Während der Bordkellner die Pseudo-Sprite abfüllt, beruhigt sich mein Atem ein wenig. Ich frage den guten Mann, ob ich mich vielleicht hinsetzen könnte. Denn im Bistro-Bereich gibt es nur Stehplätze (früher konnte man da auch sitzen), nur im Bordrestaurant fünf Meter weiter gibt es Sitzmöglichkeiten. Er erwidert in seiner unnachahmlich „freundlichen“ Art, dass das der Restaurant-Bereich ist und da kann man nur sitzen, wenn man auch was isst, was im Restaurant serviert wird, nicht was man im Bistro bestellt. Na klar. Versteh ich doch! Ich schlürfe nun also mein Zitronenwasser stehend im Bistro, werde hin- und hergeworfen, verschütte aber Gott sei Dank kaum etwas und genieße den Ausblick auf… die Schienen. Denn die Fenster im ICE sind leider so niedrig, dass ich mich bücken müsste, um was anderes zu sehen, als die Schienen. Kleinere Menschen sind hier echt im Vorteil. (Gell, Laura? Hihi.)
Sänk ju for träwweling wis Deutsche Bahn.
Ich suche mir einen Platz in einem Großraumwagon. Schräg gegenüber sitzen drei junge Frauen, die wohl zusammen in den Urlaub nach Hamburg fahren. Das erschließt sich mir zumindest aus deren Unterhaltungen. Das Mädel, das mir gegenüber am Gang sitzt, hat eine klasse Figur und trägt einen extrem kurzen Minirock, der ihre schönen Beine zur Geltung bringt. Sie hat ihre Beine übereinandergeschlagen. Aber nicht Knie auf Knie, sondern Fußknöchel auf Knie. Das bedeutet, dass sich ihr Rock weitet und den Blick freigibt auf… Naja, jedenfalls scheint sie auf rosa Unterwäsche zu stehen. Und HIER muss ich nun wirklich einmal sagen:
SÄNK JU FOR TRÄWWELING WIS DEUTSCHE BAHN!!!
Freitag, 14. Mai 2010
Einkaufen und waschen...
Jedenfalls war heute Einkaufen angesagt. Wie immer zum Lidl in der Lohmühlenstraße, also eine U-Bahn-Station fahren. Ich komme dort beim Lidl an, trete ein und muss mit quietschenden Schuhsohlen, kürzestem Bremsweg und rudernden Armen in die Eisen steigen. Opa Ali Bengali steht mitten im Eingang zwischen den elektrischen, verwirrten Schiebetüren und fummelt gemütlich an seinem Jutesack rum. Also, an dem zum Einkaufen meinte ich jetzt. Müssen solche Leute eigentlich immer mitten im Weg stehen? Er erinnert mich schwer an meine Katze, die auch einfach irgendwo, wo es ihr gerade passt, stehen oder sitzen bleibt, um sich die Rosette zu putzen. Und ich komme gerade mit Schwung und vollem Teller aus der Küche und… Naja, Ihr könnt es Euch vorstellen… „Blumenkohl auf Boden an Kartoffeln auf feinstem Tischtuch“…
Opa Ali „Katze“ Bengali macht keine Anstalten, an die Seite zu gehen. Also setze ich den Blinker und biege mit einem gekonnten Ausfallschritt rechts ab. Dabei hab ich nicht in meinen nicht vorhandenen Rückspiegel geguckt und fast eine Frau umgerannt, die hinter mir ebenfalls den Laden betreten wollte. Um ein Haar hätte es einen Auflaufunfall erster Kajüte gegeben und Opa Ali Bengali hätte wohl nur dumm geguckt und sich gefragt, ob die Russen wieder kommen. Schwerverletzte, Krankenwagen, Intensivstation…
Aber nicht nur Opas mit Ministranten-, äh, Migräne-, nee, Menstruations-, auch nicht, ah, Migrationshintergrund stehen im Weg rum. Das scheint eine Eigenschaft der älteren Generation überhaupt zu sein. Denn kaum habe ich mir einen Einkaufswagen für einen Euro gekauft und will rückwärts aus dem Gatter heraus, steht vor Selbigem Oma Hilde und studiert ihren Kassenbon. Dabei hält sie ihn so nah vors Gesicht, dass sie schielt.
„Entschuldigung, darf ich mal bitte?“, frage ich.
Sie reißt den Kassenbon herunter und ich hatte für einen Moment den Eindruck, als ob sie immer noch schielt. „Ja doch.“
Und sie wirft mir einen nicht mehr schielenden, giftigen Blick zu.
„Ja, ich habe mir diesen Einkaufswagen hier gekauft, weil ich einkaufen wollte und nicht, um im Gatter zu campieren!“
Aber auch junge Leute wissen nicht, wo sie sich oder ihre Sachen am Geschicktesten abstellen können. Im Laden biege ich in einen Gang hinein und ramme meinen Einkaufswagen fast in einen anderen. In diesem Wagen hampeln zwei kleine Jungs mit Fahrradhelmen herum. „Ach“, denke ich mir, „kann man bei Lidl auch schon Kinder kaufen?“ Die Jungen hüpfen so stark im Lidl-Auto herum, dass der Wagen sich immer ein bisschen nach vorne und nach hinten bewegt. Mir fällt die Klitschko-Werbung für Milchschnitte ein: „Räääächts, nein liiiiinks…“ Wo soll man jetzt vorbei? Drüber oder durch geht ja nicht. Kurz die Lage gecheckt, Windgeschwindigkeit und Schneebefall berechnet und zack – links vorbei. Puh, gut gegangen. Sind die eigentlich allein im Laden, die Kinder? Von einem dazugehörigen Erwachsenen jedenfalls keine Spur…
Zwei Gänge weiter, das gleiche Bild. Wie konnten die Bälger nur so stark hin- und herwackeln, dass sich ihr Wagen gleich um zwei Gänge weiter verschob? Und auch hier krakeelen sie laut herum, die Jungs, und keine Spur von einem „Erziehungsberechtigten“.
An der Kasse wurde der Fall dann aufgeklärt. Sherlock ThoGa kombiniert messerscharf, dass der in der Schlange hinter ihm stehende Wagen, die beiden tobenden Kinder mit Fahrradhelmen daneben und der gelassen wirkende Mann am Wagen irgendwie zusammen gehören. Meine Waren befinden sich bereits auf dem Band, die Kinder streiten sich noch darüber, wer was auf das Band legen darf. Einer der beiden wuchtet gerade eine Melone aufs Gummi, die mindestens so groß wie sein Kopf mit Helm ist. Hurra, die Melone kann man prima wie eine Bowlingkugel auf dem Band hin- und herrollen lassen. Bevor sie über meine Chips donnert, knalle ich so ein Absperrplastikdingens (wie nennt man das eigentlich?) hinter meine Waren und stoppe mit der anderen Hand gekonnt die rollende Gefahr. Der Vater lächelt nur geheimnisvoll.
Nachdem die Jungs weiter toben, der Vater nichts dagegen unternimmt und sie mir einer nach dem anderen ein paar Mal in den Rücken gerannt sind, drehe ich mich um, beuge mich zu den Kindern herunter und sage mit einem freundlichen Lächeln: „Jungs, ihr müsst schon ein bisschen mehr Rücksicht auf die anderen Leute hier haben.“
Der Vater lächelt wieder geheimnisvoll und meint: „Seht ihr, der Mann hat Recht.“
„Ja, wenn Euch Euer Vater schon nicht erziehen kann, dann muss ich das eben machen, ne?“ sage ich ohne aufzublicken.
Das geheimnisvolle Lächeln des Vaters verschwindet augenblicklich, es weicht einem mit leicht zugekniffenen Augen, bitterbösen Blick. Mir egal. Ich zahle und Tschüss.
Zurück nach Hause. Ich steige vollbepackt mit tollen Sachen, die das Leben schöner machen (*sing*) wieder an meiner Heimat-U-Bahn-Station aus und stelle fest, dass die Rolltreppe nach oben mal wieder nicht funktioniert. Entnervt ziehe ich am Notschalter und löse den Alarm aus. WENN ich schon nix für die Bahnfahrt bezahle, dann soll wenigstens die Rolltreppe funktionieren!
Nachdem ich wieder zuhause bin, muss ich in die Waschküche. Denn heute habe ich mich zwischen 15 und 17 Uhr in den Waschkalender eingetragen, um die gemeinschaftliche Waschmaschine und Trockner nutzen zu können. Mittlerweile weiß ich auch von der einen frechen Nachbarin, die sich wohl generell nicht in den Kalender einträgt, sondern immer dann wäscht, wenn sie eine Maschine für frei hält. Es ist wohl schon ein paar Mal zu Unstimmigkeiten unter den Nachbarn gekommen, weil sie mit ihrer Taktik eine Maschine oder den Trockner blockiert hat, die eigentlich für den Eingetragenen frei sein sollten.
Jedenfalls komme ich mit Wäschekorb und Waschmittel in den Waschkeller und sehe, dass der Trockner noch läuft. Noch knapp eine Stunde. Natürlich habe ich sofort das Bild von der fiesen Nachbarin im Kopf und fange innerlich schon ein bisschen an zu kochen. Aber gut, ich muss ja nun erst einmal meine Wäsche waschen. Danach hat die „Dame“ dann wohl hoffentlich ihren Krempel aus dem Trockner geholt und ich kann ihn nutzen.
Eine knappe Stunde später betrete ich wieder die Räumlichkeiten, da meine Wäsche nun fertig gewaschen ist. Der Trockner ist zwar fertig, aber die Wäsche ist noch drin. Grummelnd denke ich, dass die Alte doch schleunigst ihr Zeug holen soll, sonst werde ich wirklich sauer.
Just in diesem Moment klappert die Tür und eine junge, blondgelockte, umwerfende Schönheit betritt lächelnd den kahlen Waschraum. Mir bleibt für einen Moment das Herz stehen, als sie sich schüchtern schauend bei mir entschuldigt, dass das Trocknen einen Tick länger gedauert hätte. Mäuschen, wenn ich DAS gewusst hätte, du hättest noch Stunden trocknen können! Als sie sich hinunter beugt, mir ihren gei…, räusper, ihre wohlgeformte Hinterseite entgegenstreckt und ihre String-Tangas aus dem Apparat holt, drehe ich mich verschämt zur Seite. Starr da nicht so hin!
Jetzt stehe ich da, unrasiert mit ungewaschenen Haaren, Käppi auf und bekleidet mit Schlabber-Jogginghose, T-Shirt und Badelatschen. Wie peinlich! Warum bin ich nicht frisch geduscht, rasiert, wohl riechend und bekleidet mit weißem, gestärktem und gebügeltem Hemd, schwarzer Fliege, schwarzem Smoking, Lackschuhen und überreiche Ihr kniend eine rote, langstielige Rose? Verbunden mit der Bitte, doch noch ein paar Minuten weiter zu trocknen?
Merke: Am nächsten Waschtag Frack und Zylinder bereit legen!
Freitag, 7. Mai 2010
Meine Vorstellung bei Direct-Job
wer mal ein richtig schlechtes Vorstellungsgespräch führen möchte, sollte sich mal bei der Firma Direct Job in Hamburg bewerben. Direct Job ist ein Personaldienstleister und eine Zeitarbeitsfirma.
Ich bekam einen Vermittlungsvorschlag von der Agentur für Arbeit, mit der Aufforderung, mich bei der Firma Direct Job vorzustellen. Nun hatte ich also heute das „Vorstellungsgespräch“ – soweit man das so bezeichnen kann.
Das Gebäude, in dem die Firma Direct Job untergebracht ist, ist mir bereits aus meiner Vergangenheit bekannt. Dort befand sich nämlich vor Jahren mal die Firma Altenberger, für die ich für ca. vier Wochen Zeitschriften-Abos am Telefon verkauft habe. Den Job hab ich aber schnell wieder abgegeben, denn die Schulungen machten auf mich den Eindruck einer Gehirnwäsche und die Teamleiter konnten vom übermotivierten, extrem freundlichen Mallorca-Animateur zum schreienden Drill-Instructor mutieren. Außerdem ist Vertrieb generell nichts für mich.
Als ich an der angegebenen Adresse eintraf, fand ich u.a. zwei Firmen vor, Direct Line und Direct Job. Aha, Altenberger existiert nicht mehr. Direct Job im dritten Stock. Also rein in den Aufzug und auf den Knopf für das dritte Stockwerk gedrückt. Oh, darunter, im zweiten Stock steht „Direct Job Empfang“. Nun, da sollte ich zunächst einmal hingehen. Also wieder eine Etage runter.
An der Tür im zweiten Stock steht „Direct Line“. Egal, erst einmal reingehen. Der Empfang ist nicht besetzt, ich warte. Dann kommt eine Dame und ich erkläre ihr mein Anliegen. Es stellt sich dann heraus, dass ich zu Direct Job in die dritte Etage muss. Gut, also wieder hoch. Zuvor bekomme ich noch einen Personalfragebogen, den ich ausfüllen soll, aber keinen Stift.
Im dritten Stockwerk wurde ich dann in einen Konferenzraum gebeten, wo sich bereits weitere Bewerber befanden. Kurze Begrüßung, dann saß man sich schweigend gegenüber. Ok, wahrscheinlich werden wir dann nach und nach zum Gespräch gerufen. Man kommt sich zwar vor wie im Wartezimmer beim Arzt, aber wird schon. Der Raum hatte eine Außenwand mit vielen, großen Fenstern. Die anderen drei Wände sahen nach Plastik aus. Plastikwände. Unglaublich. Plastikwände im formschönen … grau. Toll. Sehr einladend. Vielleicht wurden hier alte Trabbis aufgearbeitet? Die Wände sind jedenfalls genauso dünn, wie die Karosserie der alten Renn-Pappe. Man hört den Kollegen nebenan sprichwörtlich atmen. An einer Trabbi-Wand hing ein Bild, das aussah wie aus einem Atlas entnommen. Es zeigte die Insel Mallorca. Ein Überbleibsel von Altenberger, das an die Mallorca-Animateur-Teamleiter erinnert?
Nein, es wurde anders. Ein Mitarbeiter der Firma Direct Job kam herein, begrüßte uns alle und setzte sich ans Kopfende der langen Tischreihe. Er wolle das Unternehmen mal kurz vorstellen. Nach 20 Minuten war seine „kurze“ Vorstellung zu einem Drittel beendet und er fragte nach Fragen. Ich fragte ihn, ob es denn anschließend noch persönliche Einzelgespräche gäbe und er erwiderte sinngemäß, dass Personaldienstleister nur wenige Möglichkeiten haben, Einzelgespräche zu führen. Daraufhin meinte ich zu ihm, dass ich bereits mehrere Gespräche mit Personaldienstleistern und Zeitarbeitsfirmen geführt habe und dass dort IMMER ein Einzelgespräch stattgefunden hat. In einem solchen Einzelgespräch hätten wir schnell klären können, dass ich praktisch alles von dem, was er bisher gesagt hat, bereits weiß und dass man schneller auf „das Eingemachte“ hätte gehen können. Warum das in seiner Firma nicht möglich sei, hat er mir dann nicht näher beantwortet. Ich sagte dann, dass ich mich hier wie bei einer „Fleischbeschauung“ fühle und dass ich ja hier sein müsse, weil ich eine Aufforderung der Agentur für Arbeit erhalten habe. Er meinte, ich könne ja auch gehen. Ich dachte mir, klar, damit du dann schreiben kannst, ich hätte die Stelle abgelehnt und ich krieg dann noch weniger Geld und sagte daraufhin, nein, nein, es wäre schon ok, ich würde mir alles anhören, was er zu sagen habe.
Wo ich innerlich allerdings am Meisten gelacht habe, war der Part in seiner Rede, als er davon sprach, wie es bei der Firma Direct Job abläuft, wenn man eine Vorstellung bei einem ihrer Auftraggeber habe, die einen dann gegebenenfalls übernehmen wollen. Als er das erzählte, dachte ich wirklich, ich müsse jetzt aufstehen und unter Protest das Haus verlassen! Er berichtete nämlich folgendes:
Wenn sich also über die Personalvermittlung der Firma Direct Job einer ihrer Auftraggeber dazu entschieden hat, mich einzustellen und mich zu einem Vorstellungsgespräch einlädt, dann soll ich vorher noch mal bei der Firma Direct Job vorbeikommen. Dort werden dann noch einige Dinge besprochen, damit man beim Auftraggeber ein möglichst gutes Bild abgibt. Aha, dachte ich mir, dann wird wohl geguckt, ob ich auch angemessen gekleidet bin und mich vernünftig benehme. Klar, wenn ich ein Vorstellungsgespräch um einen kaufmännischen Job habe, dann kleide ich mich für gewöhnlich dem Mallorca-Bild an der Wand entsprechend mit Hawaii-Hemd, kurzer Schlabberhose und Flip-Flops, trage Sonnenbrille und Hütchen und gröle „Zeig doch mal die Möpse“!
Er erklärt, dass die unterschiedlichen Auftraggeber auch unterschiedliche Sachen fragen. Manchmal fragen sie sogar nach aktuellen, politischen Geschehnissen. Stimmt, denke ich, da wir als Arbeitslose und Arbeitslosinnen ja in tiefen Kellern eingekerkert werden, bekommen wir natürlich von der Außenwelt nichts mit. Das macht dann schon Sinn, wenn man vorher noch mal gebrieft wird.
Außerdem erklärt der Herr, dass man anschließend zum Arbeitgeber gefahren wird. Damit man sich nicht verfährt. Es könnte ja auch mal sein, dass die Bahn Verspätung habe oder so. Richtig, denke ich, als ich wusste, dass ich heute um 14 Uhr den Termin hier habe, bin ich vorsichtshalber für die drei U-Bahn-Stationen schon gestern Abend losgefahren, habe unterwegs 20 Mal nach dem Weg gefragt und anschließend vor dem Haus campiert. Sicher ist sicher.
Ganz ehrlich, was glaubt der Mann eigentlich, wer da vor ihm sitzt?
Sein Monolog, der sich ziemlich auswendig gelernt anhörte, dauerte noch weitere ewige Minuten. Danach wollte der Herr alle Personalfragebögen einsammeln, zu denen er im Vorfeld auch noch mal lange Stellung bezog. Es kam mir vor, als ob er glaubte, er hätte es nur mit Volltrotteln zu tun, die sich noch nie vorgestellt und noch nie Fragebögen ausgefüllt haben. Ich bemerke, dass ich leider keinen Stift bekommen habe, bekomme diesen sofort und kann den Bogen ausfüllen. Der Herr schaut mich dabei an, als wolle er sagen: „Na, schlecht vorbereitet, was?“
Dann kam der Kracher. Er ging jeden Fragebogen der einzelnen Bewerber durch und fragte Sachen, wie „Sind Sie zeitlich flexibel?“. Ok, das geht ja noch, aber was geht es denn die anderen an, warum der eine Bewerber nicht mehr in der Versicherungsbranche arbeiten möchte, bei welchem Arbeitgeber die andere Bewerberin vorher war, bei welchem Unternehmen der dritte Kollege lieber nicht arbeiten möchte etc. Das sind doch nun wirklich Dinge, die man eher in einem persönlichen Gespräch klären sollte, oder? Als ich an die Reihe kam, sagte ich bevor er etwas sagen konnte, dass ich zeitlich flexibel sei und alle anderen Fragen würde ich ihm sehr gerne in einem persönlichen Gespräch beantworten. Die Dame, die nach mir dran kam, sagte das Gleiche. Sie fände seine Fragen auch sehr persönlich. Er meinte, die seien doch nicht persönlich und ich dachte bei mir, dass es nur noch fehlt, dass er nach Körbchengröße und Schw**zlänge fragt.
Unfassbar. Ein so schlechtes, unpersönliches, unprofessionelles Vorstellungsgespräch, in dem ich mich nicht nur deswegen, sondern auch wegen des Ambientes extrem unwohl fühlte, habe ich noch nicht geführt. Weder als Bewerber, noch während meiner Zeit als Personalvermittler, als ich auch auf der anderen Seite sitzend Bewerbungsgespräche durchgeführt habe.
Nun gut, es war ein Vermittlungsvorschlag der Agentur für Arbeit. Also, wenn die sich tatsächlich da bei Direct Job für mich entscheiden sollten, dann wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als den Job anzunehmen, wenn ich nicht Gefahr laufen möchte, weitere Kürzungen im Arbeitslosengeld zu erfahren. Bis jetzt hat er noch nicht angerufen, der Herr aus dem Mallorca-Zimmer.
Hier kommt übrigens noch ein Nachtrag zu meiner ARGE-Odyssee: Zum heutigen Tag war die Überweisung des Geldes zugesagt worden. Eigentlich ja schon für letzten Mittwoch, aber aufgrund dessen, dass die ARGE im Computer eine falsche Kontonummer übernommen hat, hat sich die Zahlung auf heute verschoben. Als dann heute immer noch kein Geld auf dem Konto erschien, rief ich bei der ARGE an und es wurde festgestellt, dass jetzt, in der neuen, aktuellen Kontonummer, von der Mitarbeiterin der ARGE leider ein Zahlendreher eingebaut wurde und ich dort auf einmal auch „Thorsten Norden“ heiße. Somit kann ich wohl immer noch nicht so schnell mit Geld rechnen. Am Montag soll ich aber noch mal hinkommen, da bekäme ich dann noch mal einen baren Vorschuss.
Es ist nicht zu fassen. Wenn’s dicke kommt, dann richtig…
Montag, 3. Mai 2010
Odyssee reloaded
Es ist alles noch viel komplizierter und verwirrender, als man denkt!
Heute startete „Odyssee reloaded“, Teil 2 der never ending story „ARGE/Agentur für Arbeit“. Eigentlich sollte ich heute bei der ARGE nur vorsprechen, um einen Vorschuss in bar auf mein noch ausstehendes ALG II erhalten, damit ich in dieser Woche wenigstens mal einkaufen gehen kann. Zusätzlich hatte ich mir am Wochenende ein paar Fragen aufgeschrieben, die ich noch loswerden wollte.
Ich komme also heute Morgen bei der ARGE an, schreite fröhlich durch die bereits erwähnte Möööp-katschumm-Tür an den wartenden Bittstellern vorbei, die Treppe hoch zum Büro von Frau Zahn, die mich für heute vorgeladen hat. Bestimmt klopfe ich an die Tür und nach der von innen erschallenden Aufforderung betrete ich das Büro. Ich bins, der Herr Gawandtka, ich hab hier jetzt nen Termin.
Ich werde gefragt, ob ich mir denn sicher sei. Ja, ich sei mir sicher. Gut, ich solle bitte draußen kurz Platz nehmen und warten, sie checke das jetzt erstmal. Also mache ich es mir auf einem der grauen Schalensitze im Gang gemütlich. Kurze Zeit später steckt Frau Zahn ihren Zahn, nein, den ganzen Kopf durch die Tür und sagt nur: „Wegen der Vorauszahlung, ne?“
Ich bejahe diese Frage und werde wieder hinein gebeten.
Die Vorauszahlungsgeschichte ist nach kurzer Zeit schon gegessen. Ja, das restliche Geld ist spätestens am Mittwoch auf meinem Konto. Gott sei Dank, denn da ist nix mehr drauf und Telefon- und Internetanbieter stehen schon in den Startlöchern und wollen Bares sehen. Die meisten meiner Fragen können mit Nein beantwortet werden und eigentlich wäre jetzt alles gut. Da sehe ich auf dem Bescheid, den mir Frau Zahn ausdruckt, dass dort eine falsche Kontonummer für die Überweisungen angegeben wurde.
Oh nein, das darf nicht wahr sein. Frau Zahn vergleicht noch mal die Kontonummer in ihrem Computer mit der von meinem Antrag und stellt fest: „Ja, das ist wirklich die Falsche!“
„Dat janze Schmölzchen widder öm“, würde man jetzt in meiner rheinischen Heimat sagen. Das Geld, was jetzt irrtümlich an das nicht mehr existierende, falsche Konto überwiesen wurde, kommt zurück. Aber erst in sechs bis acht Wochen. So lange kann man mich natürlich nicht warten lassen, darum wird das Geld jetzt noch ein weiteres Mal auf das richtige Konto angewiesen. Das ist dann aber natürlich nicht am Mittwoch da, sondern frühestens am Freitag. Das irrtümliche Geld geht automatisch an die ARGE zurück. Es könnte aber auch sein, dass es mir trotzdem auf mein richtiges Konto umgeleitet wird. Wenn das passiert, soll ich mich schleunigst wieder melden, sonst gibt es richtig Haue!
Ok, geht klar.
Und wenn die Agentur die angedrohte Sperre doch wieder aufhebt, dann wird das zurückgehaltene Geld ausgezahlt. Normalerweise wird das direkt an die ARGE geschickt und verrechnet, aber es könnte auch sein, dass die Agentur es mir erst auf mein Konto überweist. Auch dann sofort melden, sonst…
Ok, geht auch klar.
Hauptsache am Ende der Woche ist Geld aufm Konto!
Dann sehe ich auf dem Bescheid, dass ich das Geld für April UND Mai überwiesen bekomme. Wie jetzt? Ich dachte, rückwirkend für den April. Oder doch nicht?
Frau Zahn erklärt es mir: Das ALG wird immer im Voraus für einen Monat gezahlt. Ich hätte also bereits am 1.4. Geld für den April bekommen müssen. Das ist allerdings aufgrund der angedrohten Sperre nicht erfolgt und darum wird es mir jetzt rückwirkend gezahlt. Und gleichzeitig dazu natürlich das Geld für Mai.
Aha.
Und in Zukunft, wenn die Sperre nicht durchgeführt wird oder zumindest wenn sie durch ist, dann erhalte ich einen Teil meines monatlichen Geldes von der Agentur (ALG I) und den Rest von der ARGE (Aufstockung ALG II). Und zwar auch in zwei Beträgen. Herrlich. Gott sei Dank hab ich ein gebührenfreies Konto!
In dem Moment denke ich: „Die sind ja schön blöd. Ich hab doch Ende März rückwirkend für März mein letztes Gehalt von meinem letzten Arbeitgeber bekommen. Davon hab ich im April alle meine Ausgaben bestritten. Jetzt bekomme ich rückwirkend NOCH EINMAL Geld für April von der ARGE.“
Juchu, ich bin reich! Schampus, leichte Mädchen, Segeljacht… Was kostet die Welt? Hoch die Tassen! Ich hab den Staat ausgetrickst! I am se God of ARGE!
Also, ich bekomme nun zum Ende der Woche eine Nachzahlung für April sowie eine Vorauszahlung für Mai. Mit dem Vorschuss, den ich heute erhalten habe und mit der Nachzahlung am Ende der Woche kann ich dann mein Wochengeld nachwirkend aufstocken. Der Vorschuss wird also mit dem Nachschuss zum Volltreffer!
Alles klar?
Nachdem nun alle Klarheiten beseitigt waren, verließ ich frohen Mutes und mit wippendem Gang das Büro von Frau Zahn. In der Hand eine Chipkarte, mit der ich am Kassenautomat in der Eingangszone den Vorschuss erhalten werde.
Das klappte auch reibungslos.
Auf dem Nachhauseweg wurde meine Stimmung dann merklich getrübt. Ich wusste nämlich, dass die Sache bestimmt einen Haken hat! Und tatsächlich, so ganz ausgereift war die Idee mit dem vielen Geld aufgrund der Nachzahlung dann doch nicht…
Wenn ich nämlich irgendwann einmal wieder in einen Job komme, was ich ja schwer hoffe, dann wird mir der neue Arbeitgeber das Gehalt ja erst RÜCKWIRKEND für einen Monat zahlen. Somit werde ich also im Monat VOR meiner neuen Anstellung zum letzten Mal am Anfang des Monats Geld von der ARGE erhalten. Im darauf folgenden Monat erhalte ich mein erstes Arbeitsgehalt allerdings erst am ENDE des Monats. Also muss das ARGE-Geld für zwei Monate reichen!
Aha! Mist, ich wusste, das konnte ja nicht gut gehen. Die Nachzahlung für April muss ich mir dann für exakt diesen einen Monat Luft auf Seite packen.
In Gedanken platzt eine Seifenblase, der Schampus kippt um, die leichten Mädels sind in den wohlgeformten Hintern gekniffen und die Segeljacht nimmt Kurs ohne mich auf… Ahoi, Matrosen! Ein anderes Mal, vielleicht…
Samstag, 1. Mai 2010
Stille
Gerade hatte ich Besuch von einem Bekannten. Jetzt habe ich kurz aufgeräumt, das Geschirr in die Küche gebracht und mich aufs Sofa zu meinen Katzen gesetzt.
Fernsehen? Ach nee, keine Lust. Lesen? Ach, auch nicht? Spazieren gehen? Es regnet… Hm, ich bleibe einfach mal nur so sitzen. Ohne Fernseher, ohne Buch, ohne Musik, einfach mal nur sitzen. Nichts tun. Füße hoch, eine Katze im Arm und einfach mal nur die Stille genießen.
Die Stille?
Die Balkontür steht auf Kippe. Von draußen hört man leises Vogelgezwitscher. Aber nur wenig, denn es regnet. Der Regen rauscht in den Bäumen, fällt auf die im Frühling noch kleinen, neuen Blätter an den Ästen. Irgendwo piept eine Alarmanlage in einem Ton in hoher Frequenz. Ich höre von der Straße hinter der gegenüberliegenden Häuserfront ein Auto anfahren. Das muss ein LKW gewesen sein. Oder ein Motorrad? Überhaupt hört man neben all den einzelnen Geräuschen ein waberndes, rauschendes Hintergrundgeräusch. Verkehrslärm. Es hört sich an, als ob es nie aufhören würde. Da, ein quietschender Reifen, jetzt ein Fahrzeug mit lautem Martinshorn. Tatü tata. Ich höre Kinderstimmen, ein Hund bellt. Bei so einem Sauwetter draußen zu spielen fand ich früher auch immer ganz toll. Der Regen geht kurzzeitig in Hagel über und es prasselt auf meine Fensterscheiben. Das macht ganz schön Lärm. Meine Katzen verfolgen gespannt die tanzenden Hagelkörner auf dem Balkon.
Als der Hagel nachlässt und sich wieder in Regen verwandelt hat, widmen sich meine Katzen ihrer Leckerlies-Kiste. Das ist ein Karton, in den ich kleine Löcher geschnitten und mit kleinen Leckerlies gefüllt habe. Jetzt wird eine Pfote durch ein Loch hineingesteckt und ein Leckerchen gejagt. Pfote raus, Schnauze rein und versuchen, den Karton anzuheben. Rumms, kracht der Karton wieder auf den Boden. Jetzt schiebt ihn eine Katze durch das Zimmer und der Karton schleift über das Parkett. Zack, mit einer Pfote wurde gegen die Schachtel gehauen, sodass die Leckerlies laut rascheln.
Aus der Küche höre ich ein regelmäßiges, schnelles, monotones „Tock tock tock“. Da muss an der Dachrinne irgendwo etwas undicht sein, sodass es immer wieder auf mein Fensterbrett tropft. Wenn der Wind weht, hört das Tocken kurz auf und die Tropfen fallen wohl direkt auf den Boden. Dann kommt das Tocken schnell wieder zurück und klopft immer wieder in mein Ohr.
Der Videorekorder summt leise. Stimmt, ich nehme gerade einen Film auf. Der Nachbar drückt die Wasserspülung in seinem Badezimmer. Uh, Bilder im Kopf… Draußen rufen Leute…
Plötzlich hört der Regen fast schlagartig auf. Es weht kein Wind mehr, keine Bäume rascheln. Und auch der Verkehrslärm ist irgendwie grad weniger geworden. Oha, die neue Stille ist fast unheimlich. Aber es währt nur Sekunden. Dann windet es wieder, die Bäume rauschen, die Autos fahren wieder weiter, das wabernde, immerwährende Geräusch ist wieder da und bringt mir ein Stück Sicherheit in meine Gedanken.
So still ist es gar nicht, wenn man mal drauf achtet. Dabei sind diese Geräusche doch fast immer da. Man nimmt sie nur nicht mehr so wahr.