Freitag, 7. Mai 2010

Meine Vorstellung bei Direct-Job

Liebe Arbeitslose und Arbeitslosinnen,

wer mal ein richtig schlechtes Vorstellungsgespräch führen möchte, sollte sich mal bei der Firma Direct Job in Hamburg bewerben. Direct Job ist ein Personaldienstleister und eine Zeitarbeitsfirma.

Ich bekam einen Vermittlungsvorschlag von der Agentur für Arbeit, mit der Aufforderung, mich bei der Firma Direct Job vorzustellen. Nun hatte ich also heute das „Vorstellungsgespräch“ – soweit man das so bezeichnen kann.
Das Gebäude, in dem die Firma Direct Job untergebracht ist, ist mir bereits aus meiner Vergangenheit bekannt. Dort befand sich nämlich vor Jahren mal die Firma Altenberger, für die ich für ca. vier Wochen Zeitschriften-Abos am Telefon verkauft habe. Den Job hab ich aber schnell wieder abgegeben, denn die Schulungen machten auf mich den Eindruck einer Gehirnwäsche und die Teamleiter konnten vom übermotivierten, extrem freundlichen Mallorca-Animateur zum schreienden Drill-Instructor mutieren. Außerdem ist Vertrieb generell nichts für mich.
Als ich an der angegebenen Adresse eintraf, fand ich u.a. zwei Firmen vor, Direct Line und Direct Job. Aha, Altenberger existiert nicht mehr. Direct Job im dritten Stock. Also rein in den Aufzug und auf den Knopf für das dritte Stockwerk gedrückt. Oh, darunter, im zweiten Stock steht „Direct Job Empfang“. Nun, da sollte ich zunächst einmal hingehen. Also wieder eine Etage runter.
An der Tür im zweiten Stock steht „Direct Line“. Egal, erst einmal reingehen. Der Empfang ist nicht besetzt, ich warte. Dann kommt eine Dame und ich erkläre ihr mein Anliegen. Es stellt sich dann heraus, dass ich zu Direct Job in die dritte Etage muss. Gut, also wieder hoch. Zuvor bekomme ich noch einen Personalfragebogen, den ich ausfüllen soll, aber keinen Stift.
Im dritten Stockwerk wurde ich dann in einen Konferenzraum gebeten, wo sich bereits weitere Bewerber befanden. Kurze Begrüßung, dann saß man sich schweigend gegenüber. Ok, wahrscheinlich werden wir dann nach und nach zum Gespräch gerufen. Man kommt sich zwar vor wie im Wartezimmer beim Arzt, aber wird schon. Der Raum hatte eine Außenwand mit vielen, großen Fenstern. Die anderen drei Wände sahen nach Plastik aus. Plastikwände. Unglaublich. Plastikwände im formschönen … grau. Toll. Sehr einladend. Vielleicht wurden hier alte Trabbis aufgearbeitet? Die Wände sind jedenfalls genauso dünn, wie die Karosserie der alten Renn-Pappe. Man hört den Kollegen nebenan sprichwörtlich atmen. An einer Trabbi-Wand hing ein Bild, das aussah wie aus einem Atlas entnommen. Es zeigte die Insel Mallorca. Ein Überbleibsel von Altenberger, das an die Mallorca-Animateur-Teamleiter erinnert?
Nein, es wurde anders. Ein Mitarbeiter der Firma Direct Job kam herein, begrüßte uns alle und setzte sich ans Kopfende der langen Tischreihe. Er wolle das Unternehmen mal kurz vorstellen. Nach 20 Minuten war seine „kurze“ Vorstellung zu einem Drittel beendet und er fragte nach Fragen. Ich fragte ihn, ob es denn anschließend noch persönliche Einzelgespräche gäbe und er erwiderte sinngemäß, dass Personaldienstleister nur wenige Möglichkeiten haben, Einzelgespräche zu führen. Daraufhin meinte ich zu ihm, dass ich bereits mehrere Gespräche mit Personaldienstleistern und Zeitarbeitsfirmen geführt habe und dass dort IMMER ein Einzelgespräch stattgefunden hat. In einem solchen Einzelgespräch hätten wir schnell klären können, dass ich praktisch alles von dem, was er bisher gesagt hat, bereits weiß und dass man schneller auf „das Eingemachte“ hätte gehen können. Warum das in seiner Firma nicht möglich sei, hat er mir dann nicht näher beantwortet. Ich sagte dann, dass ich mich hier wie bei einer „Fleischbeschauung“ fühle und dass ich ja hier sein müsse, weil ich eine Aufforderung der Agentur für Arbeit erhalten habe. Er meinte, ich könne ja auch gehen. Ich dachte mir, klar, damit du dann schreiben kannst, ich hätte die Stelle abgelehnt und ich krieg dann noch weniger Geld und sagte daraufhin, nein, nein, es wäre schon ok, ich würde mir alles anhören, was er zu sagen habe.
Wo ich innerlich allerdings am Meisten gelacht habe, war der Part in seiner Rede, als er davon sprach, wie es bei der Firma Direct Job abläuft, wenn man eine Vorstellung bei einem ihrer Auftraggeber habe, die einen dann gegebenenfalls übernehmen wollen. Als er das erzählte, dachte ich wirklich, ich müsse jetzt aufstehen und unter Protest das Haus verlassen! Er berichtete nämlich folgendes:
Wenn sich also über die Personalvermittlung der Firma Direct Job einer ihrer Auftraggeber dazu entschieden hat, mich einzustellen und mich zu einem Vorstellungsgespräch einlädt, dann soll ich vorher noch mal bei der Firma Direct Job vorbeikommen. Dort werden dann noch einige Dinge besprochen, damit man beim Auftraggeber ein möglichst gutes Bild abgibt. Aha, dachte ich mir, dann wird wohl geguckt, ob ich auch angemessen gekleidet bin und mich vernünftig benehme. Klar, wenn ich ein Vorstellungsgespräch um einen kaufmännischen Job habe, dann kleide ich mich für gewöhnlich dem Mallorca-Bild an der Wand entsprechend mit Hawaii-Hemd, kurzer Schlabberhose und Flip-Flops, trage Sonnenbrille und Hütchen und gröle „Zeig doch mal die Möpse“!
Er erklärt, dass die unterschiedlichen Auftraggeber auch unterschiedliche Sachen fragen. Manchmal fragen sie sogar nach aktuellen, politischen Geschehnissen. Stimmt, denke ich, da wir als Arbeitslose und Arbeitslosinnen ja in tiefen Kellern eingekerkert werden, bekommen wir natürlich von der Außenwelt nichts mit. Das macht dann schon Sinn, wenn man vorher noch mal gebrieft wird.
Außerdem erklärt der Herr, dass man anschließend zum Arbeitgeber gefahren wird. Damit man sich nicht verfährt. Es könnte ja auch mal sein, dass die Bahn Verspätung habe oder so. Richtig, denke ich, als ich wusste, dass ich heute um 14 Uhr den Termin hier habe, bin ich vorsichtshalber für die drei U-Bahn-Stationen schon gestern Abend losgefahren, habe unterwegs 20 Mal nach dem Weg gefragt und anschließend vor dem Haus campiert. Sicher ist sicher.
Ganz ehrlich, was glaubt der Mann eigentlich, wer da vor ihm sitzt?
Sein Monolog, der sich ziemlich auswendig gelernt anhörte, dauerte noch weitere ewige Minuten. Danach wollte der Herr alle Personalfragebögen einsammeln, zu denen er im Vorfeld auch noch mal lange Stellung bezog. Es kam mir vor, als ob er glaubte, er hätte es nur mit Volltrotteln zu tun, die sich noch nie vorgestellt und noch nie Fragebögen ausgefüllt haben. Ich bemerke, dass ich leider keinen Stift bekommen habe, bekomme diesen sofort und kann den Bogen ausfüllen. Der Herr schaut mich dabei an, als wolle er sagen: „Na, schlecht vorbereitet, was?“
Dann kam der Kracher. Er ging jeden Fragebogen der einzelnen Bewerber durch und fragte Sachen, wie „Sind Sie zeitlich flexibel?“. Ok, das geht ja noch, aber was geht es denn die anderen an, warum der eine Bewerber nicht mehr in der Versicherungsbranche arbeiten möchte, bei welchem Arbeitgeber die andere Bewerberin vorher war, bei welchem Unternehmen der dritte Kollege lieber nicht arbeiten möchte etc. Das sind doch nun wirklich Dinge, die man eher in einem persönlichen Gespräch klären sollte, oder? Als ich an die Reihe kam, sagte ich bevor er etwas sagen konnte, dass ich zeitlich flexibel sei und alle anderen Fragen würde ich ihm sehr gerne in einem persönlichen Gespräch beantworten. Die Dame, die nach mir dran kam, sagte das Gleiche. Sie fände seine Fragen auch sehr persönlich. Er meinte, die seien doch nicht persönlich und ich dachte bei mir, dass es nur noch fehlt, dass er nach Körbchengröße und Schw**zlänge fragt.
Unfassbar. Ein so schlechtes, unpersönliches, unprofessionelles Vorstellungsgespräch, in dem ich mich nicht nur deswegen, sondern auch wegen des Ambientes extrem unwohl fühlte, habe ich noch nicht geführt. Weder als Bewerber, noch während meiner Zeit als Personalvermittler, als ich auch auf der anderen Seite sitzend Bewerbungsgespräche durchgeführt habe.

Nun gut, es war ein Vermittlungsvorschlag der Agentur für Arbeit. Also, wenn die sich tatsächlich da bei Direct Job für mich entscheiden sollten, dann wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als den Job anzunehmen, wenn ich nicht Gefahr laufen möchte, weitere Kürzungen im Arbeitslosengeld zu erfahren. Bis jetzt hat er noch nicht angerufen, der Herr aus dem Mallorca-Zimmer.



Hier kommt übrigens noch ein Nachtrag zu meiner ARGE-Odyssee: Zum heutigen Tag war die Überweisung des Geldes zugesagt worden. Eigentlich ja schon für letzten Mittwoch, aber aufgrund dessen, dass die ARGE im Computer eine falsche Kontonummer übernommen hat, hat sich die Zahlung auf heute verschoben. Als dann heute immer noch kein Geld auf dem Konto erschien, rief ich bei der ARGE an und es wurde festgestellt, dass jetzt, in der neuen, aktuellen Kontonummer, von der Mitarbeiterin der ARGE leider ein Zahlendreher eingebaut wurde und ich dort auf einmal auch „Thorsten Norden“ heiße. Somit kann ich wohl immer noch nicht so schnell mit Geld rechnen. Am Montag soll ich aber noch mal hinkommen, da bekäme ich dann noch mal einen baren Vorschuss.
Es ist nicht zu fassen. Wenn’s dicke kommt, dann richtig…

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